Montag, 4. April 2011

"Die Wüste als Kraftwerk!"



"Kann die Sahara den Energiehunger Europas stillen?"

"Pro und Kontra zu einem spannenden Projekt." 




Solarenergie aus Afrika könnte Europa mit sauberer Elektrizität versorgen. Doch die Pläne eines deutschen Industriekonsortiums sind unter Experten umstritten.
Es klingt wie aus einem Roman von Jules Verne: Afrika soll das Kraftwerk Europas werden. Die Pläne des Versicherungskonzerns Münchener Rück, die Energieversorgung auf eine völlig neue Grundlage zu stellen, elektrisiert seit Tagen die gesamte Strombranche. Ein Netz von solarthermischen Kraftwerken in der nordafrikanischen Wüste könnte bald sauberen und erstmals auch speicherbaren Solarstrom produzieren - und über leistungsfähige Gleichstromkabel nach Europa transportieren. "Es klingt bestechend", gab Hermann Scheer zu, Präsident der europäischen Vereinigung für erneuerbare Energien. "2,7-mal mehr Solarstrahlung pro Quadratmeter als in Mitteleuropa. Und acht Millionen Quadratkilometer Wüstenfläche, obwohl 300 000 Quadratkilometer Solarfläche für den gesamten Weltbedarf ausreichen würde."
Doch jetzt hat sich auch die Deutsche Energieagentur (Dena) skeptisch zu Wort gemeldet. Er unterstütze die Idee großer Solarkraftwerke in Nordafrika, sagte der Geschäftsführer der staatlichen Agentur, Stephan Kohler. Aber der teure Bau von Stromleitungen nach Europa sei nicht erforderlich. Laut Kohler steigt der Strombedarf in den nordafrikanischen Länder bis 2020 von heute 35 auf 54 Gigawatt. Die laut Desertec-Konzept geplante Kraftwerkskapazität von zehn Gigawatt bis 2020 bringe man also "vor Ort locker unter", der Leitungsbau sei unnötig. www.welt.de/.../Was-taugt-die-Sahara-Strom-Idee.html

Vabanquespiel mit vielen Unbekannten
Die Teilnehmer des Desertec-Konsortiums selbst warnen indes vor verfrühter Euphorie. Denn die Vision des Projekts Sahara-Sonne mag beeindruckend sein - ob und wie sie genau realisiert wird, ist zur Stunde weitgehend unklar. Schwerpunkt des geplanten Konsortiums sei eine "vertiefte Prüfung und Machbarkeitsstudie", sagte ein RWE-Sprecher. Ein Sprecher der Deutschen Bank sagte, das Projekt sei grundsätzlich sehr interessant, betonte aber, es gebe noch keine konkreten Abmachungen.
Ein Münchener-Rück-Sprecher sagte, die Rollenverteilung und die Finanzierung des Projekts seien noch völlig offen. Ziel sei es, innerhalb von drei Jahren einen konkreten Umsetzungsplan für den Bau solarthermischer Kraftwerke zu entwickeln. Denkbar seien Solarkraftwerke an mehreren Standorten in Nordafrika.
Fest steht bislang nur: Die Technologie, die das Konsortium einsetzen will, ist relativ erprobt. In Spanien und in der kalifornischen Mojave-Wüste werden bereits erfolgreich solarthermische Anlagen betrieben. "Wir reden über Technologie, die seit den achtziger Jahren weitgehend störungsfrei im Einsatz ist", sagt ein Sprecher von Schott-Solar.
Auch ein Kostenvoranschlag für das Projekt existiert. Nach Schätzungen des DLR würde bis zum Jahr 2050 eine Investitionssumme von insgesamt 400 Milliarden Euro anfallen - 350 Milliarden für die Solarthermie-Kraftwerke, 50 Milliarden für das Leitungsnetz. Durch Inflations-Effekte könnten die Kosten nach DLR-Schätzungen zusätzlich steigen.
Auf über mehr als 40 Jahre gerechnet fällt so für die Investoren eine riesige Summe an, und bislang ist unklar, wie diese finanziert werden soll.
Branchenkennern zufolge spekulieren einige künftige Mitglieder des Desertec-Konsortiums schon auf Staatshilfen. Tatsächlich ist es ihnen nach aktuellen EU-Richtlinien ausdrücklich erlaubt, Fördergelder für Energie-Projekte außerhalb des alten Kontinents zu beantragen. Unterstützung gewährt die EU beispielsweise bis Ende 2016 für den Bau von Stromleitungen.
In Deutschland hätten es Konzerne dagegen schwer, an Fördergelder zu kommen. "Eine Finanzierung über Kapital, das im Rahmen des Erneuerbaren Energiegesetzes gewährt wird, fällt weg", sagt Wolfram Krewit vom DLR. Diese würde nur für inländische Projekte gewährt. "Es gibt aber bereits Diskussionen, Förderkonzepte für Energieimport auf der Basis des EEG zu entwickeln."

Keine energiepolitische Kolonisierung
Die eigene Energiebilanz könnte die EU durch das Projekt Desertec deutlich verbessern. Nach Angaben der Münchner Rück soll Europa 15 Prozent seines Strombedarfs aus den Wüsten-Kollektoren speisen.
Die aktuelle Darstellung des Energie-Konsortiums legt den Schluss nahe, dass Europa Afrika sozusagen energiepolitisch kolonisiert. DLR-Experten halten das für irreführend: "Das Konzept dient vor allem auch dazu, dass die Staaten Nordafrikas und des Nahen Ostens ihren wachsenden Strombedarf auf nachhaltige Weise decken", sagt Franz Trieb, der zusammen mit Müller-Steinhagen das Konzept erarbeitet hat.
Weitgehend einig sind sich die Experten indes darüber, dass der Wüstenstrom gute Verkaufschancen hat. Nach Berechnungen des Branchen-Magazins "Photon" dürfte Solarstrom aus der Wüste im Jahr 2020 in Deutschland etwa sechs Cent pro Kilowattstunde kosten - durchgehend, denn sind die Anlagen einmal errichtet, bleiben die Kosten der Energieerzeugung stabil.
Im internationalen Wettbewerb könnte der Wüstenstrom damit gut bestehen: Aktuell schwankt der Preis für eine Kilowattstunde regulären Stroms an Energiebörsen zwischen 2,5 und fünf Cent - und das sind Niedrigpreise. "Und fast alle Experten gehen davon aus, dass die Energiekosten in den kommenden Jahren deutlich steigen werden", sagt "Photon"-Sprecher Bernd Schüßler.
Wer jetzt in Solarstrom investiert, könnte also schon bald Milliarden verdienen - viele Arbeitsplätze in Deutschland schafft er allerdings nicht. Branchenspezialisten gehen davon aus, dass nur die Prototypen für Desertec in Europa hergestellt werden, Massenprodukte dagegen in Niedriglohnländern.http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,630687,00.html

David Brandl